Raz Ohara - February 2010 GERMAN VERSION



CM>>>Vor diesem Interview bin ich aufgrund einer gewissen Unsicherheit meinen Prinzipien untreu geworden und habe mir ein paar Artikel über dich durchgelesen. Interessanterweise habe ich dabei entdeckt, dass in so manchem Artikel versucht wurde dich als einen Künstler darzustellen der nicht gerne über seine Persönlichkeit spricht, Namen, Alter und so weiter.. Erstaunlicherweise ist es doch gar nicht so schwer genau diese Informationen herauszufinden, da sie fast in jedem Artikel zu finden sind. Was denkst du, was steckt dahinter einen Künstler immer noch interessanter oder mystischer darzustellen als er vielleicht sowieso schon ist?  Auflagen erhöhen, den Artikel interessanter machen, oder eine Illusion aufbauen... ?
Raz Ohara>>>Ja seltsam, ich wollte nie, dass man meinen bürgerlichen Namen erfährt - ich wollte keinen Zweifel entsehen lassen, dass dieser Künstler "Raz Ohara" nicht echt ist. Und ich habe das alles wirklich ernst genommen... die meisten Menschen nennen mich nun auch so.
Vielleicht ist es ein wenig unbefriedigend über jemanden zu schreiben, der sich nicht klar einordnen lässt - man versucht eine wahre Person zu finden, die es so aber wahrscheinlich gar nicht gibt. Nun, die Entwicklung kommt mir entgegen, ich mag es, wenn etwas undurchsichtig ist, wenn man zwischen Illusion und Wahrheit nicht recht unterscheiden mag... wenn man erfährt, dass alles relativ ist. Und mal ehrlich: der, der wir wirklich sind, erfährt keinen Namen...

CM>>>Ein anderes Interview, war für mich sehr interessant. Es geht um die sehr oft schon rezitierte Geschichte, das du mit deinem Vater manchmal mit zur See gefahren bist. Dein Bandkollege meint in diesem Interview, dass diese Geschichte die auch in deiner Bio steht zu persönlich ist. Du entgegnest ihm dann, das dies nötig sein zum einem da irgendwas schließlich in einer Bio stehen muss, vor allem wenn es wahr ist, und zum anderen geht es in der Musik auch deiner Meinung nach um Entblößung... Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, wie weit kann man sich in Musik entblößen und wann ist die Grenze überschritten? Ich meine wann beginnt der Prozess, dass die „Entblößung“ die Zuhörer einlädt den Künstler als Teil ihrer eigenen Persönlichkeit anzusehen nach dem Motto „...der versteht mich...der ist wie ich?“  

Raz Ohara>>>Der Prozess beginnt wenn du dich hinsetzt und mit Jemandem etwas teilst - etwas was dir am Herzen liegt. Auf einer Ebene also, auf der Verstand ausgeschaltet ist, denn dieser würde dir sagen, es sei irrsinnig alle Karten offen zu legen, gegenüber wildfremden Menschen...
Am ende sind wir uns alle sehr ähnlich, teilen die selben Bedürfnisse, daher auch das Gefühl des sich Kennens.



CM>>>Ist es dir schon mal passiert, dass ein Fan oder auch Journalist dir zu nahe gekommen ist und dir unangenehme Fragen gestellt hat?
Raz Ohara>>>Nicht wirklich. Es gibt natürlich Situationen, in denen man jemandem begegnet der denkt dich zu kennen, da die oder derjenige einige Stunden mit der Musik verbringt und diese etwas berührte. Aber den da du gibst bist du nur zu einem Teil... man kann nicht immer so sein wie man sich in der Musik auszudrücken vermag... und die Musik selbst ist ein Wesen für sich.
Musik bietet für mich auch eine Art von Plattform, um offenen Herzens zu sein und ist eine Art und Weise, die Liebe zu teilen.

CM>>>Du bist es bestimmt schon oft gefragt worden, aber was war dein Beweggrund Mitte der Neunziger nach Berlin zu ziehen? Und hattest du damals schon geplant so lange zu bleiben oder warst du damals auf der Suche nach einer neuen Heimat und hast dich einfach treiben lassen...?
Raz Ohara>>>Meine Schwester studierte in Berlin Anfang der 90iger und ich ging sie besuchen - Berlin war schon sehr besonders, ein Gefühl der Freiheit und "...wir bauen uns die Welt wie sie uns gefällt" lag in der Luft. Das war für mich sehr anziehend, also blieb ich... ich dachte dass ich nicht länger als ein paar Jahre bleiben würde, aber es kam anders...

CM>>>Ist Deutschland sozusagen deine neue Heimat oder gibt es Pläne vielleicht auch irgendwann nach Dänemark zurück zu gehen?
Raz Ohara>>>Dänemark war Heimat, dies eine gute Zeit her. Bevor ich nach Berlin zog, lebte ich in der Schweiz. Berlin ist mittlerweile so etwas wie ein Zuhause. Es gibt viele Orte an denen ich in Zukunft große Lust hätte länger zu verweilen, mal sehen...

CM>>>Die Liste deiner Kollaborationen und Veröffentlichungen ist lang und vor allem stilistisch sehr vielseitig, außerdem habe ich gehört dass du zum Teil auch als Übersetzer und Journalist gearbeitet hast. Würdest du dich als einen rastlosen oder eher als einen neugierigen Menschen bezeichnen?
Raz Ohara>>>Ich bin wohl etwas rastlos, aber als Journalist oder Übersetzer habe ich nie gearbeitet. Mein Vater meinte stets, ich sollte Journalist werden - und manchmal denke ich... Journalist für einen guten Reiseführer mit Schwerpunkt Südost-Asien... ja warum nicht.

CM>>>Ist es auch mit einer Art „Neugier“ zu begründen, dass du Musiker geworden bist? Oder was hat dich angetrieben eigene Musik zu machen, selber zu singen?
Raz Ohara>>>Ich hatte für mich schon sehr früh entdeckt, dass ich beim Musik machen oder beim singen zur Ruhe kommen und mich dem ganzen Trubel entziehen kann. Ständig müssen wir Informationen aufnehmen, verarbeiten...und es wird so viel geredet. Beim Musik machen fand ich etwas wahrhaftiges und Zugang zu mir selbst.

CM>>>Die Vergleiche deiner Stimme und deines Gesangsstils sind zum Teil weit gefächert und ich mag mich nicht mit Vergleichen einreihen. Aber glaubst du das die Stimme eines Sängers auch durch die Musik geprägt wird mit der ein Sänger aufwächst?
Raz Ohara>>>Sicherlich. Aber man wächst ja nicht nur mit einer Musik auf - man fühlt sich in einer großen Auswahl zu etwas hingezogen und entwickelt eine Vorliebe.

CM>>>Welche Musik hast du als Kind... bzw. Jugendlicher gehört und gab es ein Hör-/Musikerlebnis dass dich dazu animiert hat selber zu singen?
Raz Ohara>>>In der Schule gab es ausschließlich klassische Musik, meine Eltern waren keine großen Musikliebhaber, ich hörte oft Michael Jackson oder Stevie Wonder. Später dann Hip-Hop, Funk und Soul - ich hatte mich lange nicht für weiße Musik interessiert, insbesondere weiße Gitarrenmusik - das kam bei mir erst vor ein paar Jahren...ich mag es wie heute die 60iger und 70iger in ein neues Gewand gefasst werden.

CM>>>Es gab auch Zeiten in denen du intensiv in der Technoszene involviert warst und auch mitgefeiert hast. Heute wirkt deine Musik, ja die Ganze Atmosphäre um dich viel ruhiger und entspannter. Was war der Grund den Fuß vom Gaspedal zu nehmen?
Raz Ohara>>>
Sagen wir mal so, ich habe eine hedonistische Ader und so findet man seine Nischen. In diesen spielt auch oft die elektronische Tanzmusik. Diese mache ich nach wie vor, es wird dieses Jahr auch wieder was im Club von mir zu hören sein.

CM>>>Das neue Album „II“  habt ihr meines Wissens zusammen sehr zurückgezogen auf dem Land aufgenommen.  Eine bewusste Entscheidung zu mehr Ruhe und mehr Konzentration oder war der Umzug aufs Land eine Art Experiment?
Raz Ohara>>>Das hatte am Anfang eher pragmatische Gründe. Wir wollten für ein paar Tage am Stück aufnehmen und fanden die Möglichkeit außerhalb der Stadt. Eine kleine Siedlung von Bekannten als Beispiel, erwies sich als hilfreich und inspirierend. Wir fanden dort auch Instrumente vor, die wir benutzten und die die Platte extrem prägten, so z.B. ein Fretless Bass.

CM>>>Kann einen das ruhige Landleben auch mehr ablenken als die hektischen Strukturen in der Stadt ?
Raz Ohara>>>Die Ablenkung ist wohl eine Andere, eine Sinnlichere.

CM>>>Ist das Album dort komplett entstanden oder schreibst du Texte und Musik schon zuvor als eine Art Grundgerüst?
Raz Ohara>>>Die meisten Grundideen sind dort entstanden... das sind meist die Akkorde, Rhythmen und Gesangmelodien. Dies ist dann auch die Vorlage, für die man später Worte setzt, was sie ausdrücken sollen... die Stimmung ist ja schon da.

CM>>>II ist gerade mal nach einem Jahr nach eurem Banddebüt erschienen. Somit erübrigt sich die langweilige Journalistenfrage nach der Arbeitsdauer an dem Album. Aber die infantile Frage sei erlaubt, was ist der Grund für den erfreulich kurzen Abstand zwischen den beiden Alben?
Raz Ohara>>>Es verstrichen ein paar Jahre bis das erste Odd Orchestra Album rauskam, obwohl es schon fertig war. Wir hatten also schon 2004 damit begonnen und nun wollte ich sowohl die Produktionszeit als auch die Dauer bis zum Release komprimieren. Dazu kommt, dass ich musikalisch schon woanders war, sehr inspiriert und motiviert, und das diese auch im Fluss erscheinen sollte, was uns glücklicherweise auch gelang.

CM>>>Wo und wann hast du Oliver Doerell kennen gelernt? Und wann habt ihr entschieden zusammen Musik zu machen?
Raz Ohara>>>Wir trafen uns auf einer Ausstellung gemeinsamer Freunde. Oliver spielte dort das Last Legend Album, später ein ruhiges Live- Set. Seine Musik fand ich sehr inspirierend - wir trafen uns ein paar Wochen später auf der Straße und verabredeten uns um das Projekt zu beginnen.

CM>>>Ist die Entscheidung mit jemand anderen Musik zu machen nicht auch ein Prozess, der neben Sympathie auch viel Vertrauen in den Anderen voraussetzt?  Oder klingt das zu pathetisch? Wobei ich denke wenn man mit jemand Anderem ernsthaft Ideen und Visionen teilt, sich eventuell auch um Ideen streitet braucht dass doch mehr als nur die Idee sich „mal zum Musikmachen“ zu treffen..
Raz Ohara>>>Es kann funktionieren oder eben auch nicht. In unserem Falle kannten wir ja schon die Arbeit des anderen und die ersten Versuche waren dann auch sehr gut. Klar gibt es auch immer wieder Momente wo die Meinungen auseinander gehen. Manchmal gibt der Weisere nach, manchmal hält er daran fest.

CM>>>Uh.. hoffentlich trete ich nicht ins Fettnäpfchen, aber du hattest ja nach der Zeit bei Kitty Yo eine Pause eingelegt. Hat die Zusammenarbeit mit Apparat zu Walls dich damals motiviert bzw. inspiriert was Neues zu machen oder besteht dar gar kein Zusammenhang?
Raz Ohara>>>Wie gesagt, wir hatten bereits 2004 mit dem Odd Orchestra Album angefangen. Die Zeit mit Apparat half mir dennoch motiviert zu bleiben damit das 2. Album auch möglichst ohne Zeitverzögerung erscheint. Ich mag das spielen, das touren, ich wollte dass es weitergeht.

CM>>>Was macht dich als Musiker glücklich, der Moment die Musik zu kreieren oder der Moment wenn der erste Beifall kommt?
Raz Ohara>>>Das sind beides gute Momente - die Besten mitunter sind jene, wenn man live spielt und etwas im Raum entsteht...ich meine wenn Alle, die Musiker und das Publikum, Zeuge werden über etwas, was gerade entsteht, was außerhalb unserer Macht ist.



CM>>>Wie leicht fällt es dir neue musikalischen Ideen zu entwickeln, brauchst du Inspiration oder eine gewisse Stimmung? Oder ist es eher spontan so dass bei dir  das Leben und das Herz die Musik schreibt?
Raz Ohara>>>Na, es ist meistens schon einfach Arbeit. Sich hinsetzen und das tun was gerade geht - und wenn ein schöpferischer Moment kommt, sollte man diesen mitnehmen, einfangen - das ist ganz wichtig, denn der Rest ist mehr oder weniger "abarbeiten".

CM>>>Das Jahr ist noch sehr jung, kannst du mir etwas über deine musikalischen Pläne für 2010 erzählen?
Raz Ohara>>>Ja, ich nehme mir dieses Jahr meine elektronischen Solosachen vor. Am ende sollte ein Album entstehen. Dabei wird sich das Ganze mehr elektronisch anhören als es ist. Die meisten Sounds werden gespielt und mit Mikrofon abgenommen.

CM>>>Eine Frage brennt mir noch auf der Seele, der Opener von II „The Burning (Desire)“ ist ein sehr weiches und gefühlvolles Stück das mit seinen Streichern sehr cineastisch klingt. Am Ende des Stücks verzerrt der Sound... wofür steht dieser Effekt? Für das brennende Verlangen?
Raz Ohara>>>Auf den Namen des Stückes kam ich erst in den letzten Stunden vor Abgabe des Albums. Und ja, auch deshalb passt er.
Der Ablauf des Stückes stand lange offen - als ich Texte zu den Liedern schreiben sollte und nicht mehr eine weiße Wand anstarren wollte, entschied ich mich nach Rumänien zu fahren und wohnte dort bei einem Booker und Galeristen. Wir saßen also abends in seiner Galerie, er erzählte mir über Rumänien - Geschichte und Kultur - wir tranken Rotwein und hörten dabei viel Musik. Die Musik war für mich ganz neu, Kanadische, Englische, Amerikanische Musik, oft sehr episch und filmisch. Und manchmal nahmen die Stücke schleichende Wendungen, so dass ich meinen Freund fragte, ob dies denn noch das selbe Lied sei, es hätte ja sein können, dass mir im Zuge des Gespräches und des guten Weines etwas entgangen war. Aber tatsächlich war dies einer der Besonderheiten dieser Kompositionen. Viele Spielereien mit hochwertig klingender Verzerrung waren ebenfalls zu hören und so kam ich zurück und es erschien mir passend diese Inspiration bei "The Burning (Desire) einzubauen, um so auch ein unverhofftes Ende zu finden.

CM>>>Was brauchst du für einen perfekten Tag in deinem Leben?
Raz Ohara>>>Nichts...



Photos by permisson of Get Physical Records
Interview Michael Mück
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